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Podiumsdiskussion ohne Politiker
Der Ravensburger CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Schockenhoff hatte gegenüber
campact einen Termin am 31.5.11 für ein Gespräch über die Energiewende
zugesagt. Ich übernahm für den BUND gerne die Organisation, zumal mir Dr.
Schockenhoff in einem persönlichen Gespräch im Herbst erklärt hatte, dass es
in einer repräsentativen Demokratie nicht nach der Mehrheitsmeinung gehe.
Sie als gewählte Vertreter würden sich in unserem Auftrag professionell mit
Fragen wie Atomkraft beschäftigen und wüssten es deshalb besser als wir.
Dort hätte ich nach Fukushima gerne angeknüpft. Aber leider gab uns Dr.
Schockenhoff einen Korb. Ersatztermin Fehlanzeige. Da überlegten wir uns,
dass die Politiker in solchen Diskussionen eh eher unspannend sind und
trommelten ein paar Schauspieler für eine kabarettistische Kernspaltung am
30.5.11 in der Zehntscheuer zusammen. Die 6köpfige Jazzband Abantu
Marktbrand steuerte südafrikanischen Jazz bei und im Anschluss diskutierten
der Atomlobbyist Dr. Großmeier, der CDU-Abgeordnete Dr. Schöberle, von der
FDP H. Krampf-Schlangenburger und der Linke Karl Aufrecht mit der
BUND-Moderatorin Emma Grün erfrischend offen über die Renditeerwartungen der
Atomindustrie, schwarze Wendehalsdemokratie, den liberalen Fallout und die
Freuden einer atomkapitalistischen Revolution. Trotz Badewetter und knapper
Werbung kamen über 100 Interessierte. Ein grandioses Ergebnis einer von
BUND-Regionalstrom gesponserten Klimmzugorganisation.
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Atomausstieg: Frommlet zitiert das Vokabular der Atomkraft-Verharmloser
Dr. Andreas Schockenhoff sagt ab, Wolfram Frommlet stellt Ersatzprogramm auf die Beine
(c) Katrin Seglitz
Der Atomausstieg bewegt auch in Ravensburg mehr als 100 Menschen. Das zeigte die große Resonanz für die kurzfristig angesagte Veranstaltung in der Zehntscheuer am Montagabend. Campact gehört zu den Organisationen, die den Bürgerprotest kanalisieren, und hatte mit Dr. Andreas Schockenhoff (wie mit vielen anderen Bundestagsabgeordneten) einen Termin vereinbart und eine lokale Gruppe für die Durchführung des Gesprächs gesucht. Als Klaus Schulz vom BUND sich wegen näherer Absprachen bei Schockenhoff meldete, sagte dieser ab.Ersatztermin Fehlanzeige. Wolfram Frommlet sprang in die Bresche und verfasste eine kabarettistische Vorlage für eine Ersatz-Podiumsdiskussion. Die Theatergruppe Szenenwechsel setzte den Text um, die Jazz-Formation Abantu Marktbrand konnte gewonnen werden für den musikalischen Teil des Programms. Die Zehntscheuer füllte sich trotz Badewetter und anziehender Parallelveranstaltungen, die Mitglieder von Abantu griffen zu den Instrumenten. Michi Huber improvisierte mit Hingabe an der Posaune, klar und kraftvoll spielte Christoph Schaaf die Trompete, Andieh Merk zeigte seine musikalische Erfindungsgabe am Saxophon, für die Rhythmen sorgte Andreas Piesch am Kontrabass und Ralle Fricker am Schlagzeug, Rainer Deschler saß locker am Piano und gab den Ton an. Sie umrahmten mit Stücken aus der südafrikanischen Jazz-Szene der 60er und 70er Jahre die Podiumsdiskussion, in der es dann zur Sache ging. Ein Tisch wurde auf die Bühne gehoben, die Karten mit den Namen der Kontrahenten riefen Heiterkeit hervor: Dr. Krampf-Schlangenburger hatte Frommlet den Vertreter der FDP getauft, Karl Aufrecht vertrat Die Linke, Dr. C. Schöberle die CDU, Dr. J. Großmeier den Bund deutscher Kraftwerksbetreiber (BDKB) und Emma Grün vom BUND moderierte die Veranstaltung. Karl Aufrecht alias Klaus Schulz kritisierte die Gewinnmaximierung der Atomindustrie, die auf dem Rücken der Werktätigen ausgetragen werde, Günter Hauptkorn in der Rolle des CDU-Abgeordneten Schöberle konterte mit einem Hinweis auf die unentschiedene Haltung der SED zur Katastrophe in Tschernobyl. Dr. Großmeier alias Wolfram Frommlet vertrat eloquent die Interessen der Atomindustrie und machte klar, dass es den Kernkraftwerksbetreibern in erster Linie um die Dividende gehe. Die Atomkraft als Brückentechnologie habe die Rolle eines Außenbordmotors an einem Segelboot und gewährleiste, dass man bei Flaute den Hafen sicher erreiche. Frommlet hatte gut recherchiert und Fakten zusammengetragen, die dafür sorgten, dass dem Publikum trotz Situationskomik das Lachen immer wieder im Hals stecken blieb. Es sei nur verständlich, so Großmeier-Frommlet, wenn der BDKB bei einer Verkürzung der AKW-Laufzeiten einen Schadensersatz von täglich 700 000 Euro fordere. Und dass aus dem schnellen Brüter in Kalkar ein Milliardengrab geworden sei, zeige nur die Flexibilität der Atomkraftlobby. Wenn man in Deutschland keine Atomkraftwerke mehr bauen könne, dann werde man sie halt in anderen Ländern bauen, in Brasilien sei gerade das dritte Kernkraftwerk im Bau, fünfzig weitere sind geplant. Und Schlangenburger verteidigte die Wendehals-Politik seiner Partei in Sachen Kernenergie mit dem Argument: „Wir waren schon immer eine dynamische Partei. Fortschritt bekommt man nicht ohne Umwege.“
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